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Warum es nicht mehr reicht, bewußt mit den eigenen Daten umzugehen

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Dieser Tage wird viel über Datenschutz diskutiert. Insbesondere die Neuerungen bei Facebook stehen in der Kritik. Teilweise halte ich die Kritik für überzogen bis falsch, wie ich am Beispiel der Timeline erläutert habe.

Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch wieder die Stimmen, die sagen, daß das alles doch gar kein Problem sei und es generell ausreichen würde, bewußt mit den eigenen Daten umzugehen und sich zu überlegen, was man bei Facebook oder anderen sozialen Netzwerken einstellt. Daß dieses Vorgehen ohne Frage sinnvoll ist, sehe ich auch so. Aber daß sich damit alle Probleme in Luft auflösen, stimmt nicht. Es reicht nicht mehr, sorgsam mit den eigenen Daten umzugehen.Denn es ist mitnichten so, daß ein soziales Netzwerk nur so viel von uns weiß, wie "wir preisgeben".

Ein soziales Netzwerk weiß wesentlich mehr über uns, als wir selbst über uns preisgeben.

Das liegt an der Eigenart Sozialer Netzwerke. Wie der Name schon sagt, vernetzen wir uns auf diesen Plattformen mit anderen Menschen. Das hat gravierende Folgen für die Art und den Umfang von Informationen, die über uns bekannt werden.

So geben nicht nur wir selbst in sozialen Netzwerken Dinge über uns preis. Auch die Menschen, mit denen wir vernetzt sind, stellen unter Umständen Informationen über uns auf diesen Plattformen ein. Dies kann ein einfaches Status-Update der Art "Bin gerade mit Person A in der Kneipe" sein, aber auch Markierungen auf Fotos und mehr. Je nach sozialem Netzwerk sind diese Informationen, die andere über uns preisgeben, nur bedingt kontrollierbar. Besonders problematisch wird es, wenn Menschen, die wir kennen, Daten an ein soziales Netzwerk weitergeben, bei dem wir gar nicht angemeldet sind. Das Paradebeispiel dafür ist sicherlich Facebooks Adreßbuchsynchronisation.

Darüber hinaus holen sich die sozialen Netzwerke Informationen, die wir nicht bewußt preisgeben, teilweise selbst. Beispiele dafür sind etwa Facebooks Gesichtserkennung auf Fotos, die andere von uns eingestellt haben, oder die Funktion des mobilen Google+, die Leute in der Nähe des Users anzeigt.

Last, but not least sorgt, wie bereits angedeutet, die umfassende Vernetzung der Daten in sozialen Netzwerken dafür, daß zumindest der Anbieter von uns wesentlich mehr weiß, als wir selbst preisgeben - aber angesichts der vor allem in den USA sehr weitgehenden behördlichen Zugriffsrechte auf Daten unter Umständen nicht nur dieser. Allein die Information, wer mit wem über wieviele Knoten in einem Netzwerk vernetzt ist, ist eine sehr sensible Information, die etwa dazu führen kann, daß eine Person völlig unvermittelt und ohne weitere Verdachtsmomente in den Fokus behördlicher Ermittlungen gerät, weil sie in einem sozialen Netzwerk mit jemandem vernetzt ist, der mit jemandem vernetzt ist, der einer Straftat verdächtig ist.

Man kann also sehr leicht zeigen, daß es nicht mehr reicht, selbst nur bewußt Dinge über sich preiszugeben. Daher ist die richtige Schlußfolgerung vielmehr:

Ein soziales Netzwerk weiß so viel über uns, wie aus den einzelnen Daten, die wir und andere über uns preisgeben, und den Vernetzungen aller Daten untereinander erschlossen werden kann.

Und das ist eine ganze Menge. Jedenfalls wesentlich mehr, als "wir preisgeben". Natürlich heißt das nicht automatisch, daß jeder beliebige andere User in einem sozialen Netzwerk diese umfassenden Schlußfolgerungen ziehen kann. Aber das muß auch nicht der Fall sein, um hier ein ernsthaftes Problem zu erkennen. Wie schon angedeutet, haben insbesondere in den USA Behörden sehr weitreichenden Zugriff auf die kompletten Daten. Aber auch die Datendiebstähle der letzten Zeit geben Grund zur Sorge. Selbst wenn ein Eindringling nur einen Teil aller Daten aus einem sozialen Netzwerk stehlen kann, hat er damit - im Gegensatz zu Daten, die etwa in einem Webshop gestohlen werden - durch die Vernetzung der Daten sehr viel mehr in der Hand, als die gestohlenen Daten selbst.

Die Frage ist nun, wie man mit diesem Problem umgeht. Natürlich kann man sich als radikalste Maßnahme von sozialen Netzwerken fernhalten. In der Tat sollte man sich auch gut überlegen, ob man sich wirklich bei einem Netzwerk anmelden muß. Alle sogenannten Vorteile sozialer Netzwerke kann man auch auf andere Weise haben. Natürlich erleichtern es Facebook und andere Netzwerke, mit anderen Menschen Kontakt zu halten, insbesondere wenn sie weiter entfernt leben. Aber seien wir ehrlich: Das war, zumindest seit es Internetanschlüsse für die breite Masse gib, schon immer auch auf andere, vertraulichere Weise möglich. Daher sollte man sich bei sozialen Netzwerken nur anmelden, wenn man es selbst wirklich möchte, sich der oben beschriebenen Risiken bewußt ist und bereit ist, sie einzugehen. Bedenken Sie bei Ihrer Entscheidung: Die Teilnahme an sozialen Netzwerken ist zwar "in", aber für Privatpersonen keine Notwendigkeit und schon gar keine Pflicht, auch wenn andere Ihnen das einreden wollen. Man kann auch problemlos ohne Facebook leben.

Sollte man sich nach diesen Überlegungen entschließen, sich bei einem oder mehreren sozialen Netzwerken anzumelden, ist es natürlich sinnvoll, sich fortlaufend zu fragen, welche Daten man über sich selbst preisgeben möchte. Sprich: Mit einmaligen Einstellungen wie dem Ausfüllen des Profils oder der ohne Frage wichtigen Anpassung von Privatsphäreeinstellungen - die sich im übrigen immer wieder ändern können - ist es nicht getan. Auch bei der täglichen Nutzung sozialer Netzwerke muß man sich immer wieder fragen, ob die Welt, die eigenen Kontakte oder auch nur der Anbieter selbst das, was man schreiben möchte, wirklich wissen müssen und vor allem wissen dürfen. Möglicherweise ist es auch hilfreich, von Zeit zu Zeit Daten zu löschen.

Da jedoch, wie diskutiert, auch die Informationen in sozialen Netzwerken eine Rolle spielen, die andere über uns preisgeben, muß man dieselben Überlegungen auch für andere Menschen anstellen. Überlegen Sie gut, was Sie über andere schreiben oder ob Sie ein Foto, auf dem auch andere zu sehen sind, hochladen dürfen. Wenn Sie sich nicht sicher sind, fragen Sie die betroffenen Personen. Wichtig ist vor allem: Mit wenigen Ausnahmen wie Gruppenfotos von öffentlichen Veranstaltungen ist es grundsätzlich tabu, Informationen über Personen in soziale Netzwerke einzustellen, die nicht bei dem jeweiligen Netzwerk angemeldet sind! Bedenken Sie dabei auch, daß es in vielen Fällen, etwa bei Fotos, auch rechtliche Vorgaben gibt, nach denen Sie die Erlaubnis der betroffenen Personen zum Veröffentlichen der Informationen einholen müssen.
Umgekehrt wird es wahrscheinlich nicht aubleiben, daß andere User Informationen über Sie in ein Netzwerk einstellen, die Sie dort nicht sehen wollen. Wenn das soziale Netzwerk selbst Ihnen keine Möglichkeit bietet, diese Informationen zu entfernen, bleibt Ihnen nur noch, die Person zu bitten, die Informationen wieder zu löschen. Ob sich bei Rechtsverstößen wie Verletzungen Ihres Persönlichkeitsrechts rechtliche Schritte lohnen, muß man im Einzelfall entscheiden.

Natürlich sollten Sie in sozialen Netzwerken auch überlegen, mit wem Sie sich vernetzen. Eine Freundschaftsanfrage auf Facebook müssen Sie nicht annehmen. Auf der anderen Seite kann es sogar von Vorteil sein, sich mit Menschen zu vernetzen, die man nur sehr flüchtig oder eigentlich gar nicht kennt, um Netzwerkanalysen zu erschweren.

Letztlich sind hier aber auch die Anbieter gefragt. Die Möglichkeiten, ungewünschte Informationen, die andere hochgeladen haben, entfernen zu können, müssen insbesondere bei Facebook massiv ausgeweitet werden. Es kann und darf nicht sein, daß die User das untereinander aushandeln müssen. An diesem Punkt ist der Betreiber mitverantwortlich. Genauso muß ein Betreiber Daten, die ein User löschen möchte, auch wirklich löschen. Dazu muß dem User - und nur ihm - grundsätzlich der Zugriff auf alle Daten, die er jemals in einem sozialen Netzwerk hochgeladen hat, ermöglicht werden.
Darüber hinaus sollten Anbieter sozialer Netzwerke die Daten Ihrer User so speichern, daß etwa im Falle eines Datendiebstahls Vernetzungen der Daten erschwert werden. Das heißt, daß unterschiedliche Daten eines Users wie z. B. Profildaten und Daten über Kontakte im Netzwerk getrennt voneinander gespeichert werden müssen, etwa in getrennten Datenbanken, sodaß bei der Kompromittierung einer Datenbank dem Angreifer nicht gleich alle Daten in die Hände fallen.

Die genannten Maßnahmen lösen das Problem natürlich nicht vollständig. Letztendlich geben wir mit der Teilnahme an sozialen Netzwerken ein großes Stück Kontrolle über unsere Daten aus der Hand, nämlich in die Hände derer, mit denen wir uns vernetzen, und natürlich in die Hände der Anbieter. Daher sind wir alle, User wie Anbieter, gefragt, wenn es darum geht, sorgsam und vor allem sparsam mit unseren eigenen Daten, aber vor allem auch mit den Daten anderer umzugehen.

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