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Sollte Facebook pseudonyme Nutzung zulassen?

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Die Vorgänge um kompromittierte Facebook-Accounts tunesischer Aktivisten werfen eine weitere interessante Frage auf: Sollte Facebook die pseudonyme Nutzung seines Dienstes zulassen, um etwa Aktivisten oder Whistleblower zu schützen? Bisher verlangt Facebook von jedem Nutzer die Angabe seines echten Namens und sperrt recht konsequent immer wieder pseudonyme Nutzer - oder Nutzer, von denen angenommen wird, daß sie ein Pseudonym verwenden. In dem bereits im letzten Beitrag erwähnten Artikel wird auch dieses Thema diskutiert. Dort wird jedoch deutlich, daß Facebook pseudonyme Nutzung derzeit auch in solchen Fällen ablehnt:

"We get requests all the time in a few different contexts where people would like to impersonate someone else. Police wanting to go undercover or human rights activists, say," Sullivan said. "And we, just based on our core mission and core product, don't want to allow that. That's just not what Facebook is. Facebook is a place where people connect with real people in their lives using their real identities."

Ohne Frage, daß Facebook nicht möchte, daß sich ein User für jemand anderen ausgibt, ist verständlich. Aber daß beispielsweise Menschenrechtsaktivisten ihre Identität schützen möchten, ist ebenso nachvollziehbar. Facebook muß sich in diesem Punkt entscheiden, was es sein möchte: ein soziales Netzwerk, in dem nur oberflächlich geplaudert wird, oder auch eine Plattform, die Aktivisten aus totalitären Ländern die Möglichkeit gibt, sich in einem geschützten Namen auszutauschen. Wenn man bei Facebook Letzteres möchte, ist man auch verpflichtet, seine User zu schützen und die pseudonyme Nutzung zuzulassen. Erschwerend kommt hinzu, daß es sehr einfach ist, den Account eines anderen Users deaktivieren zu lassen, dafür aber um so schwerer, ihn wieder aktiviert zu bekommen, wie in einem anderen Artikel deutlich gemacht wird. Unter anderem ist zur Reaktivierung eine Identifikation mit einem Dokument, das die eigene Identität belegt, notwendig. Das ist im Kontext von Aktivismus und Whistleblowing mitunter fatal.

Nach deutschem Recht muß ein Diensteanbieter übrigens die anonyme oder pseudonyme Nutzung eines Dienstes zwingend zulassen, insofern dies technisch möglich und zumutbar ist. Im Falle von Facebook ist sowohl die technische Möglichkeit, als auch die Zumutbarkeit pseudonymer Nutzung gegeben.

Alles in allem bin ich daher der Meinung, daß Facebook pseudonyme Nutzung zulassen muß - und zwar nicht nur für Aktivisten und Whistleblower. Letztlich kann ja jeder immer noch selbst entscheiden, ob er pseudonym auftreten möchte oder nicht. Aber jeder muß auch die Möglichkeit haben, selbst zu entscheiden, wem er seine wahre Identität offenbart und wem nicht. Einen Zwang darf es hier eigentlich nicht geben. Im Falle von Aktivisten oder Whistleblowern kann er sogar lebensgefährlich sein. Daher muß man leider festhalten, daß Facebook als Plattform für solche Aktivitäten derzeit denkbar ungeeignet ist - auch wenn Facebook das gern anders sieht.

Klar ist natürlich, daß eine weit verbreitete pseudonyme Nutzung Facebooks dessen Charakter komplett verändern würde. Authentizität ginge verloren. Doch was wichtiger ist, Authentizität oder der Schutz der eigenen Identität, sollte eben jeder selbst entscheiden können.

Update vom 1. 3. 2011: In einem interessanten Bericht wird aufgezeigt, wie Facebook versucht, die Identität von Aktivisten zumindest bei Fanseiten zu schützen und gleichzeitig die Realnamens-Richtlinie einzuhalten, indem die Admin-Rechte für eine Fanseite, die gesperrt wurde, weil der Administrator ein Pseudonym führte, auf eine Person mit einem echten Namen übertragen wird. Dies mag in manchen Fällen eine gangbare Lösung sein, aber nicht immer kann so eine Person gefunden werden. Zudem hat es zur Folge, daß der eigentliche Aktivist keine Kontrolle mehr über seine eigene Seite hat. Aktivisten kritisieren auch, daß Facebook in solchen Fällen eher "widerwillig" auf das Anliegen eingehe. Das ist meines Erachtens zu wenig. Der Rat einiger Cyber-Dissidenten, Facebook deshalb in Bezug auf solche Aktivitäten zu meiden, scheint mir gerechtfertigt.

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2 Reaktionen zu “Sollte Facebook pseudonyme Nutzung zulassen?”

  1. Tweets that mention Sollte Facebook pseudonyme Nutzung zulassen? | Privatsphäre und Datenschutz im Web 2.0 -- Topsy.com

    [...] This post was mentioned on Twitter by Alexander Schestag, KiGaNa ☠ and Gutenbyte, Alexander Schestag. Alexander Schestag said: [Blog] Sollte Facebook pseudonyme Nutzung zulassen?... http://fb.me/QoNa68DH [...]

  2. Facebook sperrt Stuttgart-21-kritische Gruppe – eine Kritik | Privatsphäre und Datenschutz im Web 2.0

    [...] dem Versuch, die Identität von Aktivisten zu schützen, durch Inkonsequenz bisher weitestgehend versagt. Sicherlich sind diese Fälle nicht mit Protestbewegungen in hiesigen Demokratien vergleichbar, [...]

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